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Wirtschaft im Gespräch: Versicherungsplatz sieht in Pensionsfonds neues Potenzial

VADUZ – Der Innovationspreis für Versicherungen fiel in der Schweiz 2006 ins Wasser. Der Versicherungsplatz Liechtenstein scheint sich mit Innovationen leichter zu tun. Dazu Mario Gassner, Bereichsleiter Versicherungs- und Vorsorgeaufsicht der Finanzmarktaufsicht FMA.

Von Kornelia Pfeiffer

Volksblatt: Herr Gassner, anderswo gibt es Versicherungen für geplatzte Hochzeitsfeiern oder Benzinpreiswucher. Werden Sie mit solchen Anfragen auch konfrontiert?

Mario Gassner: Gelegentlich schon. Ein Mal ging es um eine Verschenk-Versicherung gegen die Schwiegermutter, ein anderes Mal um eine Versicherung gegen Alien- Kidnapping. Normalerweise aber geht es um einen echten Risikotransfer. Privatpersonen schliessen massgeschneiderte Versicherungspolicen als fondsgebundene Lebensversicherung ab, aber auch Kunst- oder Gebäude- und Hausratsversicherungen. Unternehmer können überdies eine Eigenversicherungslösung, sprich eine Captive, als Direkt- oder Rückversicherung aufbauen.

Versicherer in Liechtenstein sind also auch Finanzdienstleister?

Ja, natürlich. Versicherungen ergänzen mit verschiedenen Produkten den Finanzplatz. Ein gutes Beispiel für die Bedeutung des liechtensteinischen Versicherungsmarktes: Die internationale schweizerische Swiss-Life-Gruppe will den grössten liechtensteinischen Lebensversicherer, die CapitalLeben Versicherung, übernehmen. Ziel ist der Ausbau des stark wachsenden Marktes für strukturierte Lebensversicherungsprodukte für sehr vermögende Privatkunden.

Überdurchschnittliches Wachstum bringen Lebensversicherer und Captives. Mit welchem Ergebnis für 2006?

Schon 2005 wuchs das Prämienvolumen um über 64 Prozent. Laut Versicherungswirtschaft dürfte das Volumen 2006 nochmals um 40 Prozent von 4,2 Milliarden Franken auf rund 6 Milliarden steigen. Gleichzeitig dürften die verwalteten Vermögen von 10 Milliarden 2005 auf 14 Milliarden 2006 ansteigen. Zählte der Versicherungsstandort Liechtenstein 2005 noch 31 Versicherungen, sind es 35 Ende 2006. Auch 2007 rechne ich mit Neugründungen von Versicherungsunternehmen.

Welche Märkte beackern Versicherungen von Liechtenstein aus?

Hier kann ich vorläufig nur die Zahlen 2005 heranziehen: Den grossen Batzen an Prämien erzielten liechtensteinische Versicherungsunternehmen im EWR – sprich 87,6 Prozent. Das Geschäft in der Schweiz machte 7,5 Prozent aus, 4,9 Prozent der Prämien nahmen die Versicherer ausserhalb des Raumes EWR-Schweiz ein. Im EWR ist Deutschland der Hauptmarkt – 46,1 Prozent der Versicherungen wurden hier abgeschlossen. Es folgen Italien mit 20,9 Prozent, Schweden mit 10,3 Prozent, Österreich mit 3,1 Prozent, Belgien mit 2,6 Prozent und Liechtenstein mit 2,1 Prozent.

Wenn sich Industrie- und Handelsunternehmen entschliessen, sich selber und gegenseitig zu versichern, gründen sie Captives. Ein Instrument des Risikomanagements. Wie entwickelt sich Liechtenstein zum Captive- Standort?

Er wächst jedes Jahr. Ende 2006 verzeichnete Liechtenstein 11 Captives: 6 Direkt- und 5 Rückversicherungsunternehmen. Allesamt sind relativ grosse Eigenversicherungslösungen für international renommierte und kapitalkräftige Konzerne. Die Entwicklung dürfte sich fortsetzen.

Die Lebensversicherung besonders zur Altersvorsorge gilt als Wachstumsbranche. Nun will Liechtenstein auch Pensionsfonds- Standort werden. Was heisst das?

Wir alle wissen: Die Nachfrage nach betrieblicher Altersversorgung in Europa steigt. Damit entsteht ein neues, grosses Marktpotenzial. Liechtenstein will daran teilhaben und fördert die Ansiedlung von Pensionsfonds. Die neue Pensionsfondsgesetzgebung tritt 2007 in Kraft und gibt einen attraktiven und trotzdem wirksamen Aufsichtsrahmen vor. Damit lässt Liechtenstein viel Freiheit für die Gestaltung von Pensionsplänen. Pensionsfonds mit Sitz in Liechtenstein profitieren zudem vom freien Zugang zum EU-Binnenmarkt. Das dürfte für internationale Unternehmen – auch aus der Schweiz – interessant sein. Übrigens: Der erste Pensionsfonds könnte bereits Anfang 2007 gegründet werden.

Kapital- und Risikomanagement- Vorschriften Solvency II, Geldwäschereivorschriften – wie stark sind Versicherungen mit Regulierungstendenzen konfrontiert?

Der EU-Binnenmarkt entwickelt sich und das betrifft auch die Versicherungsunternehmen im EWRLand Liechtenstein. So hat die EU für 2007 eine Reihe von Regulierungen angestossen: Liechtenstein wird zwei Richtlinien umsetzen – die für Rückversicherungen und die 3. Geldwäschereirichtlinie. Mitte des Jahres stehen die Arbeiten zu Solvency II an. Die EU will damit ein modernes Aufsichtsrecht für Europas Versicherungswirtschaft schaffen. In Zukunft sollen Versicherungen alle Risiken mit Eigenkapital abdecken. Die FMA wird in Zusammenarbeit mit der Versicherungswirtschaft bei der Umsetzung besonders auch auf die Chancen achten.