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Mit dem Fuss in der Schweiz

Serie Wirtschaft 2005: Lebensversicherer und Captives bringen Wachstum

VADUZ - Der Versicherungsplatz Liechtenstein wächst überdurchschnittlich. Zugleich müssen Versicherer ihr Risiko in Zukunft stärker managen. Der Platz bleibe dennoch wettbewerbsfähig, sagt Mario Gassner, Bereichsleiter Versicherungsunternehmen und Vorsorgeeinrichtungen der Finanzmarktaufsicht (FMA).
( Kornelia Pfeiffer)

Volksblatt: Herr Gassner, neun neue Versicherungen allein in den letzten zwölf Monaten - was tut sich auf dem Versicherungsplatz Liechtenstein?

Mario Gassner: Neu sind vier Lebensversicherer, ein spezialisierter Schadenversicherer und vier Captives, also Eigenversicherer von Konzernen. Die Mutterunternehmen der Captives haben ihren Sitz nicht wie bislang ausschliesslich in der Schweiz, sondern auch in Österreich. Zum ersten Mal hat auch ein Liechtensteiner Unternehmen eine Eigenversicherung gegründet. 
Bei den neuen Lebensversicherungen sitzen die Hauptaktionäre in der Schweiz - so hat Swiss Life eine Tochter in Liechtenstein gegründet - und in einem Fall sogar in Südafrika. Schnellten schon die Prämieneinnahmen 2004 um 60 Prozent in die Höhe, erwarten wir für 2005 ein weiteres überdurchschnittliches Wachstum. Und schon haben weitere Versicherer in Liechtenstein um Bewilligung nachgesucht.

Was heisst das in Zahlen von 2000 bis 2004?

Im Jahr 2000 buchten 14 Unternehmen auf dem Versicherungsplatz Liechtenstein gerade einmal 0,33 Mrd. Franken Bruttoprämien. Im Jahr 2003 vereinnahmten 23 Unternehmen 1,47 Mrd. und im Jahr 2004 waren es 28 Versicherer, die 2,56 Mrd. Franken Prämien verdienten. Die Kurve der Kapitalanlagen, also hauptsächlich der Kundenvermögen wuchs von 1,56 Mrd. Franken im Jahr 2000 auf 3,73 Mrd. im Jahr 2003 und lag 2004 bei stolzen 6,61 Mrd. Franken. 

Ist die Versicherungswirtschaft nach dem Boomjahr 2004 wieder zum normalen Wachstumspfad zurückgekehrt?

In Liechtenstein hält das Wachstum an. Meldungen einzelner Versicherer lassen darauf schliessen, dass sich das Versicherungsgeschäft weiter überdurchschnittlich entwickelt. Besonders die Lebensversicherer und die neuen grossen Erstversicherungs-Captives tragen dazu bei. 

Wie sähen die Zahlen ohne Lebensversicherungen für Privatkunden aus?

17 der heute 31 Versicherungsunternehmen mit Sitz in Liechtenstein sind Lebensversicherer. Die erwirtschafteten 91,9 Prozent des Prämienvolumens im Jahr 2004, sprich 2,35 Mrd. Franken. Bei den Kapitalanlagen entfielen 77,8 Prozent auf die Lebensversicherer. Die Versicherungswirtschaft «spielt» in Liechtenstein im Bereich Lebensversicherungen. Schadenversicherungen sind über die Grenzen hinweg lediglich als spezialisierte Nischenplayer tätig. 

Wie entwickelt sich der Captive-Standort Liechtenstein? 

Der Standort wächst organisch. Insgesamt gibt es elf Captives in Liechtenstein, davon sind fünf Schadenversicherer und sechs Rückversicherer. Grosse internationale Konzerne decken zunehmend Risiken in Eigenverantwortung ab. Wir gehen davon aus, dass sich daher der Captive-Standort Liechtenstein weiter positiv entwickeln wird. Anders als manch anderer Versicherungsplatz ist Liechtenstein kein «Billigdiscounter», sondern ein Standort für qualitativ gute Captives. 

CapitalLeben spricht die Liga der Superreichen an, PrismaLife den Otto Normalverbraucher, mit der Uniqa ist eine Kunstversicherung vertreten. Wo liegen die Stärken des Versicherungsplatzes Liechtenstein?

Eine Stärke sind die allgemein günstigen Rahmenbedingungen. Versicherungsunternehmen können in Liechtenstein sehr rasch innovative Produkte entwickeln und auf den Markt bringen. Ausserdem ist Liechtenstein der einzige Standort in Europa, von wo aus ein Unternehmen nicht nur den EWR-Markt bearbeiten kann, sondern auch den Schweizer Versicherungsmarkt, der zwar interessant ist, aber gegen aussen sonst «abgeschottet».

Wenn Sie den kleinen Versicherungsplatz mit der Schweiz oder Luxemburg vergleichen. Wo steht Liechtenstein international? 

Liechtenstein zählt 31 Versicherungsunternehmen, die Schweiz 216, Luxemburg rund 350. An Prämien hat Liechtenstein 2,56 Mrd. Franken, Luxemburg 17,8 Mrd. und die Schweiz 111,1 Mrd. im Jahr 2004 verbucht. 

Stichwort «Solvency II». Werden Versicherungsnehmer sich auf rigide Risikokontrollen einstellen müssen?

In Liechtenstein werden keine rigiden Risikokontrollen nötig sein. Die FMA arbeitet 2006/2007 mit der Versicherungswirtschaft an der Umsetzung von Solvency II und die Wettbewerbsfähigkeit des Versicherungsplatzes soll erhalten bleiben. Der Ansatz ist stärker auf Risiken konzentriert, die künftigen EU-Vorschriften enthalten extrem viele Details. Hier geht es darum, die im internationalen Vergleich eher kleinen liechtensteinischen Versicherer nicht durch Überregulierungen einzuschränken. Für liechtensteinische Unternehmen besteht dennoch Handlungsbedarf: Sie müssen ein umfassendes Risikomanagementsystem entwickeln und sie müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob hierfür qualifizierte Systeme und Mitarbeiter zur Verfügung stehen. 

Der Weg 2006 - was ist geplant?

Im Mittelpunkt steht für den Versicherungsstandort attraktive, wirksame Rahmenbedingungen zu schaffen: für einen Pensionsfonds-Standort und für Solvency II. Wie die FMA in ihrer Vision und in ihrem Leitbild festhält, geht es um den Schutz der Kunden sowie darum, Missbräuche zu vermeiden und die Einhaltung internationaler Standards zu sichern. Damit leistet die FMA ihren Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit und zum Ansehen des Finanzmarktes und damit zum Wohle des Landes.