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Interview mit Werner Meissl über das Versicherungs-Forum 2004


Versicherungen im Standortwettbewerb


VADUZ – Die Fachhochschule Liechtenstein führt am 22. April erstmals ein Versicherungs-Forum durch. Referenten aus Liechtenstein, der Schweiz und Österreich befassen sich mit dem Thema «Standortwettbewerb für Versicherungen». Wir befragten Werner Meissl, Präsident des Verwaltungsrates der Assurance Services AG Vaduz, über den Versicherungsplatz Liechtenstein sowie über die Zukunft der Captives.

Volksblatt: Herr Meissl, Sie gehören zu den Pionieren beim Aufbau des Versicherungsplatzes Liechtenstein. Haben sich die Hoffnungen nach dem EWR-Beitritt Liechtensteins erfüllt?

Werner Meissl: Bei über 20 Versicherungsgesellschaften, die sich inzwischen niedergelassen haben, darf man wohl sagen, dass sich die Hoffnungen erfüllt haben. Insbesondere wenn man das inoffizielle Ergebnis des letzten Jahres mit 1 Milliarde Franken an Neuprämien betrachtet, kann man sicher von erfüllten Hoffnungen sprechen. Das gilt aber nicht nur für die erzielten Beiträge, sondern auch für die Versicherungsprodukte, die von den einzelnen Gesellschaften geschaffen und angeboten werden.

Hat das Sicherheitsbedürfnis der Menschen nach dem 11. September und nach der seither anhaltenden Bedrohung durch den Terrorismus angehalten?

Soweit ich das für Europa beurteilen kann, hat sich das Sicherheitsbedürfnis nicht sehr stark verändert. Am 11. September glaubten viele, dass die Welt zusammenbreche. Ich habe die Situation gelassener betrachtet. Inzwischen hat sich durch die fast täglichen Meldungen über Anschläge und dergleichen eine gewisse Gewöhnung ergeben. Ich glaube sogar, dass sich vielerorts das Bewusstsein herausgebildet hat, dass man sich gegen solche Formen des Terrorismus ohnehin nicht schützen kann. Was den Versicherungsbereich betrifft, so kann der 11. September vielleicht für Schadenversicherungen und Rückversicherer gewisse Auswirkungen gehabt haben. Für die Lebensversicherungen im Anlagesektor, der in Liechtenstein von Bedeutung ist, sind die Folgen durch die Entwicklung der Finanzmärkte geprägt, die direkten Auswirkungen auf die Lebensversicherungen dürften gering sein.

Die Versicherungsgesellschaften, die Liechtenstein als Standort ausgewählt haben, sind wahrscheinlich weniger im Risikobereich tätig als auf dem Sektor der Lebensversicherungen. Hat es hier in den letzten Jahren eine neue Bewegung gegeben, indem vermögende Leute ihr Kapital möglichst gut anlegen wollen?

Das kann man zweifellos sagen, dass sich hier eine Veränderung abgezeichnet hat. In den meisten Ländern sind die Beiträge zu Lebensversicherungen steuerlich privilegiert. Wer beispielsweise in Deutschland oder Österreich sein Vermögen in Lebensversicherungen einbringt, der braucht keine Zinsen bei der Steuer zu deklarieren. Wer sein Geld in diesen Ländern auf die Bank legt, der muss die Zinserträge steuerlich deklarieren, weil er sich sonst strafbar macht. Deshalb hat die Anlage in Versicherungen wesentliche Vorteile gegenüber anderen Anlageformen. Die Vermögensanlage geniesst Anonymität, ist aber voll in der Legalität. Dieser Umstand ist in den letzten Jahren verstärkt erkannt worden und hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Versicherungsbranche mit Standort Liechtenstein so gut entwickelt hat.

Captives war das Zauberwort, als das Versicherungsaufsichtsgesetz geschaffen wurde. Haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt? Sie stellen für das Versicherungs- Forum ihren Vortrag unter ein Fragezeichen: Liechtenstein kein geeigneter Standort für Captives? 

Bisher haben sich nur Captives von schweizerischen Grossunternehmen niedergelassen. Insofern zeigt dies einerseits auf, dass für Schweizer Unternehmen ein Bedarf vorhanden ist, der von Liechtenstein abgedeckt werden kann: Ob dies nun SBB oder Swisscom, ob Novartis oder Schindler ist. Diese Unternehmen haben einen bestimmten Hintergrund, dass sie ihre Captives gerade in Liechtenstein platziert haben. Der Umstand, dass aus anderen Ländern keine Captives errichtet wurden, kann verschiedene Gründe haben, die man nicht so einfach analysieren kann. Offensichtlich aber hat man einen relativ kleinen, einseitigen Markt angesprochen. Wenn man bedenkt, dass grosse Captives-Standorte wie etwa die Bermudas rund ein Drittel aller rund 4500 Captives-Gesellschaften beherbergen, dann kann man ermessen, welche Bedeutung die sieben Captives in Liechtenstein haben. Auf der anderen Seite bedeutet diese Diskrepanz, dass grundsätzlich ein grosses Entwicklungspotenzial vorliegt. Wenn sich irgendwo grosse Unternehmungen mit Captives ansiedeln, dann kann dies ein Ansporn für kleinere Unternehmen sein, es ebenfalls zu machen. Der Erfolg grosser Unternehmen ist zweifellos oft ein Anreiz für kleinere Unternehmungen, das gleiche zu versuchen.

Was werden Sie für die Zuhörer am Versicherungs-Forum in den Mittelpunkt stellen?

Mein Vortrag wird sich vor allem damit befassen, welche Möglichkeiten der Standort Liechtenstein für Captives noch bietet, nachdem sich herausgestellt hat, dass Liechtenstein bisher nur für schweizerische Grossunternehmen interessant war. Der zweite Punkt befasst sich mit den verschiedenen Formen von Captives, die in Frage kommen können und die Ressourcen die Liechtenstein für das Captive Management zur Verfügung stellen kann. Die grossen Beratungsgesellschaften, die Captives gründen, befassen sich sehr genau mit der Standortauswahl. Sie empfehlen natürlich auch ihren Kunden die Standorte, die sie als geeignet erachten.

Man spricht von interessanten Anlageprodukten, die auf dem Finanzplatz Liechtenstein für internationale Kunden angeboten werden könnten. Existieren solche Angebote jetzt schon?

Von Versicherungsseite her ist zu sagen, dass die Gesellschaften die Anlageprodukte nur zum Teil selbst kreieren. Die spezielle Form der liechtensteinischen Anlagen ermöglichen die fondsgebundenen Produkte. Der Kunde mitbestimmt im Wesentlichen, welche Anlage er wählt, welchen Vermögensverwalter und welche Depotbank er haben will. Die Versicherungsgesellschaft bietet den rechtlichen Rahmen dafür. Was in das Produkt hineingepackt wird, das ist Sache des Kunden, da ist der Vermögensverwalter gefordert, aber nicht die Versicherung. Die Versicherung stellt sozusagen das Fundament zur Verfügung, aber der Architekt, der das Haus darauf aufbaut, ist meist ein anderer.