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Im Versicherungsmantel

Mario Gassner: Lebensversicherer, Captives, Pensionsfonds bringen Wachstum

VADUZ – Nur von Liechtenstein aus können Versicherungsprodukte im EU-Binnenmarkt und in der Schweiz vertrieben werden. Doch der Versicherungsplatz sucht nach weiteren Chancen. Dazu Mario Gassner, Bereichsleiter Versicherungs- und Vorsorgeaufsicht der FMA.

Von Kornelia Pfeiffer

Volksblatt: Herr Gassner, deutsche Lebensversicherer fliehen ins Ausland, wie viele nach Liechtenstein?

Mario Gassner: Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Monaten weitere deutsche Versicherer eine Gesellschaft in Liechtenstein errichten werden – und zwar im Bereich der Lebensversicherung. Die deutsche Versicherungsgruppe HDI-Gerling hat mit der Aspecta Assurance International AG bereits seit Frühjahr 2000 eine Tochtergesellschaft in Liechtenstein. Inzwischen hat sich auch der Deutsche Ring mit der Wealth-Assurance AG ein Standbein hierzulande aufgebaut. Die LV 1871 aus München hat ja Anfang 2007 den ersten liechtensteinischen Pensionsfonds errichtet.

Wieso ist die neue deutsche Abgeltungssteuer im Mantel einer Liechtensteiner Lebenspolice besser zu ertragen?

Durch die Abgeltungssteuer werden Kapitalerträge zusätzlich besteuert. Nicht so bei einer Geldanlage in einer Versicherungspolice. Im «Versicherungsmantel» hat der Kunde freie Auswahl der Fonds, ein freier Fondswechsel ohne Abgeltungssteuer ist möglich und auch Strategiewechsel haben keine neue Abgeltungssteuer zur Folge. In eine Lebenspolice eingebrachte Guthaben oder Wertpapiere entwickeln sich erst einmal ohne Steuerlast, sodass der Zinseszinseffekt optimal genutzt wird. Bei Fälligkeit werden die Erträge je nach Konstellation nur zur Hälfte mit der individuellen Progression oder dem pauschalen Abgeltungssatz besteuert. Zu diesen lukrativen Aussichten kommt noch, dass im Rahmen der Versicherungsverwaltung anfallende Gebühren abgezogen werden, während der Werbungskostenabzug bei der Direktanlage ab 2009 komplett gestrichen ist.

Wie hat sich der Versicherungsplatz 2007 entwickelt?

Die Zahl der bewilligten Versicherungsunternehmen nimmt weiter zu: 2007 wurden drei neue Lebensversicherer gegründet, sprich bewilligt. Heute sind insgesamt 37 Versicherungsunternehmen mit Sitz in Liechtenstein international aktiv. Für das Geschäftsjahr 2007 erwarten wir zudem ein weiteres Wachstum bei den gebuchten Bruttoprämien. Die liechtensteinischen Versicherer haben inzwischen auch Niederlassungen in der Schweiz, in Köln, Luxemburg und in Singapur errichtet. Damit werden zum Teil auch neue Märkte – wie Südostasien – erschlossen.

Und wie steht es um Liechtenstein als Captive-Standort?

Wir haben heute elf Captives: sechs Direktversicherer und fünf Rückversicherer. Acht Mutterunternehmen sitzen in der Schweiz, zwei in Österreich, eines in Liechtenstein. Das sind in der Regel sehr grosse, renommierte Konzerne. Der Standort Liechtenstein setzt ja bewusst auf Qualität und nicht auf Quantität.

Und was ist mit mittelgrossen Unternehmen?

Wir werden die Einführung von Rahmenbedingungen für sogenannte Protected Cell Companies, PCC, prüfen. Diese erweitern die Vielfalt von Instrumenten der alternativen Risikofinanzierung und sind vor allem für mittelgrosse Unternehmen interessant. Eine PCC ist eine juristische Person, die aus einem Kern und einer beliebigen Anzahl von eigenständigen Zellen besteht. Mehrheitlich haben solche Gesellschaften eine Rückversicherungslizenz. Die den einzelnen Zellen zugeordneten Vermögenswerte sind gesetzlich voneinander isoliert und damit geschützt. In keinem Fall haftet eine Zelle für Ansprüche Dritter gegenüber einer anderen Zelle. Gläubiger einer bestimmten Zelle können demnach einzig auf die Mittel der betroffenen Zelle greifen. Hingegen besteht für den Gläubiger einer Zelle grundsätzlich die Möglichkeit, sich durch die Liquidation von Aktiven des Kerns schadlos zu halten. Durch diese Wesenszüge eignen sich PCCs als Captive-Einrichtung für mehrere, voneinander unabhängige Kunden. Mit der Kombination von Eigenständigkeit der Selbstversicherung über die Zellen sowie der gemeinsamen Abwicklung von Kosten und Kapitalisierung über die Mantelgesellschaft verbinden PCCs die Vorteile einer Captive mit jenen einer Rent-a-Captive und stellen eine Weiterentwicklung innerhalb der Alternativen Risikofinanzierung dar. Die Einführung einer PCC-Regelung würde auch eine Anpassung des Gesellschaftsrechts voraussetzen.

Liechtensteinische Versicherungsprodukte können im EUBinnenmarkt und in der Schweiz vertrieben werden. Ein Vorteil auf Zeit, hofft doch auch die Schweiz mit der neuen Finanzmarktaufsicht FINMA auf den EU-Markt?

Nicht die FINMA, sondern der kürzlich vorgestellte Masterplan Finanzplatz Schweiz fordert den Zugang schweizerischer Versicherer zum europäischen Binnenmarkt. Dabei handelt es sich allerdings vorläufig noch um ein Strategiepapier der Finanzdienstleister. Für eine Lösung bräuchte es eine bilaterale Vereinbarung zwischen Schweiz und EU, was – den politischen Willen einmal vorausgesetzt – vermutlich einige Zeit benötigen dürfte.

Nun hängt ja gerade der Erfolg von Lebensversicherungen von ihren Kapitalanlagen ab. Überschuldete Hausbesitzer in den USA haben die gesamte Finanzwelt in Aufruhr versetzt. Wie krisensicher sind die Versicherungsunternehmen in Liechtenstein?

Nun hängt ja gerade der Erfolg von Lebensversicherungen von ihren Kapitalanlagen ab. Überschuldete Hausbesitzer in den USA haben die gesamte Finanzwelt in Aufruhr versetzt. Wie krisensicher sind die Versicherungsunternehmen in Liechtenstein? Die liechtensteinischen Lebensversicherer sind grösstenteils im Bereich der fonds-, also der anteilgebundenen Lebensversicherung tätig. Da trägt grundsätzlich der Versicherungsnehmer das Risiko. Die US-Subprime-Krise hatte daher praktisch kaum Auswirkungen auf die hiesigen Lebensversicherer.

Qualität als Mantra vor sich herzutragen, genügt nicht. Wie garantieren Sie die Qualität von Verwaltungs- und Stiftungsräten?

Die Leitungsorgane müssen selbstverständlich fit und proper sein. Die FMA besteht auf persönlicher Integrität und fachlicher Eignung der Mitglieder von Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen.

In Europa wächst der Markt für betriebliche Altersvorsorge. Ist Liechtensteins Start 2007 als Standort für Pensionsfonds gelungen?

Das Interesse am Pensionsfondsstandort Liechtenstein ist sehr gross. Schon kurz nachdem das Pensionsfondsgesetz in Kraft war, gründete die LV 1871 aus München den ersten Pensionsfonds. Nach eigenen Angaben ist der Fonds auf dem deutschen Markt sehr erfolgreich. Kurz vor Weihnachten haben wir mit der Rofenberg-Stiftung für Personalvorsorge der AXA Winterthur den zweiten Pensionsfonds bewilligt.

Was hat die Versicherungsbranche für 2008 in der Pipeline?

Mit weiteren Neugründungen von Versicherungsunternehmen ist zu rechnen – Lebens- wie Schadenversicherer. Zudem nehmen Ende 2007 neu gegründete Lebensversicherer ihre Geschäfte auf: zum Beispiel die Zurich Life und die Baloise Life. 2008 dürfte ein sehr gutes Versicherungsjahr werden. Liechtensteiner Versicherer werden weitere Niederlassungen im Ausland gründen, um näher am Kunden zu sein, und neue Märkte erschliessen. Wir rechnen mit einigen neuen Pensionsfonds. Und wenn wir die EU-Rückversicherungsrichtlinie umgesetzt haben, könnte das erste Gründungen von professionellen Rückversicherern nach sich ziehen.