Assurance Services AG
von Günther Meier
Der Versicherungsplatz Liechtenstein expandiert. Die Chance des EWR, ein neues Standbein aufzubauen, wurde genutzt. Mario Gassner, zuständig für Versicherungen bei der Finanzmarktaufsicht, ist zuversichtlich für die Zukunft.
Herr Gassner, die Versicherungsunternehmen verwalteten im Jahre 2005 total Vermögen von 9,4 Milliarden Franken. Die Zuwachsrate gegenüber dem Vorjahr betrug sagenhafte 84,3 Prozent. Wie ist ein derartiges Wachstum möglich?
Waren im Jahre 1999 erst zehn Versicherungsunternehmen von Liechtenstein aus tätig, so hat sich die Anzahl der Unternehmen bis Ende 2005 auf insgesamt 31 Versicherungsunternehmen mehr als verdreifacht. Zudem haben viele Versicherungsunternehmen die für den Aufbau des Geschäftsbetriebes benötigte Aufbauphase mittlerweile hinter sich und haben jetzt mit der eigentlichen Geschäftstätigkeit begonnen. Es zeigt sich nunmehr, dass die Rahmenbedingungen des Versicherungsstandortes Liechtenstein mit dem ungehinderten Zugang zum europäischen Versicherungsbinnenmarkt, einschliesslich Schweiz, äusserst günstig sind und die hiesigen Unternehmen die sich ihnen bietenden Chancen auch nutzen, was gerade auch die überdurchschnittliche Performance im Jahre 2005 belegt.
Das Hauptgeschäft der Versicherungsunternehmen bildet die fondsgebundene Lebensversicherung. Worin unterscheidet sich diese Art Lebensversicherung von einer herkömmlichen Lebensversicherung?
Die fondsgebundene Lebensversicherung ist eine Lebensversicherung auf den Todes- und Erlebensfall, bei der der Versicherungsnehmer an der Wertentwicklung bestimmter Kapitalanlagen beteiligt wird. Mit seinen Beiträgen – nach Abzug der Risiko- und Kostenanteile – erwirbt der Versicherungsnehmer Anteile an einem Anlagestock wie Fonds oder Sondervermögen, der sich aus bestimmten Anlagearten zusammensetzt, z.B. aus Aktien (Aktienfonds), festverzinslichen Wertpapieren (Rentenfonds), Aktien und festverzinslichen Wertpapieren (gemischte Fonds) oder Immobilien (Immobilienfonds). Die Höhe der Versicherungsleistung wird durch den Kurswert der gutgeschriebenen Anteilseinheiten bestimmt. Der Versicherungsnehmer hat somit das Anlagerisiko zu tragen.
Als der Startschuss für den Versicherungsplatz Liechtenstein vor zehn Jahren gegeben wurde, war die Regierung voller Hoffnung, dass sich Liechtenstein zu einem Captive- Standort entwickeln werde. Innerhalb von zehn Jahren haben sich aber gerade fünf Captives angesiedelt. Ist Liechtenstein nicht attraktiv genug oder ist keine Nachfrage mehr vorhanden?
Liechtenstein ist sehr wohl ein attraktiver Standort für Captives, also konzerneigene Versicherungsunternehmen, die nur Risiken innerhalb des Konzerns decken. Bis heute haben sich insgesamt zehn Captives in Liechtenstein niedergelassen, davon sind fünf Foto: FMA Liechtenstein als Direktversicherer in der Schadenversicherung und fünf als Rückversicherer tätig. Bei diesen zehn Captives handelt es sich überwiegend um Tochterunternehmen von sehr grossen, renommierten Konzernen wie z.B. Novartis, Syngenta, Swisscom, SBB, Schindler, Rieter. Liechtenstein hat sich hier von Beginn an als Standort für Captives von erstklassigen, kapitalkräftigen Unternehmen positioniert und wollte kein «Billigdiscounter» wie beispielsweise einige Karibikstaaten werden. Das bedeutet, dass wir nicht mit Hunderten von Captive-Gründungen rechneten.Wie die kürzlich in der EU erlassene Rückversicherungs-Richtlinie zeigt, welche auch für die Rückversicherungs- Captives Gültigkeit haben wird, ist Liechtenstein hier auf dem richtigen Weg.
Die Versicherungsbranche lockt reiche Kunden mit «massgeschneiderten Produkten ». Was ist darunter zu verstehen?
Es geht hier insbesondere um Versicherungsprodukte, welche den effektiven Bedürfnissen der Kunden entsprechen und auf diese «zugeschnitten» sind. Die liechtensteinische Versicherungsaufsichtsgesetzgebung kennt seit Inkrafttreten Anfang 1996 keine materielle Aufsicht, d.h. die Versicherungsunternehmen müssen ihre Produkte inklusive Tarife und Versicherungsbedingungen nicht jeweils vorgängig der Aufsichtsbehörde zur Prüfung und Genehmigung vorlegen. Mit der in unserem Gesetz umgesetzten so genannten Dritten EU-Versicherungsrichtlinien-Generation, welche die materielle Aufsicht durch eine Solvenzaufsicht ersetzt hat, sind die Unternehmen in der Produktegestaltung viel flexibler.Hier gibt es in einigen europäischen Ländern immer noch «Nachwehen » dieser über viele Jahrzehnte vorherrschenden materiellen Aufsicht.Unsere Unternehmen haben diese Chancen erkannt und nutzen die sich daraus ergebenden Möglichkeiten.
Bringen «massgeschneiderte Produkte» auch Steuervorteile für ausländische Kunden?
Bei so genannten «massgeschneiderten Produkten» in der Lebensversicherung wird die gesamte persönliche und finanzielle Situation der Kunden in Betracht gezogen.Hierzu gehört natürlich auch die steuerliche Seite. Da die liechtensteinischen Versicherungsunternehmen hauptsächlich im Ausland tätig sind, müssen die hiesigen Unternehmen selbstverständlich auch die jeweilige Steuergesetzgebung und Steuerpraxis des Wohnsitzlandes des Kunden berücksichtigen.